Archiv: Juni 2005
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02 Juni 2005
Die Ästhetik des Sprunges
Die Musenhäppchen aus der Sicht eines Darbietenden
Einmal pro Semester finden in der Mensa am Langemarckplatz in Erlangen die Musenhäppchen statt. Wir reden von Studenten, die sich Zeit neben dem Studium nehmen, um daran zu arbeiten, ein sehr breites Repertoire, es reicht von der klassischen Musik über Bands unplugged bis hin zu Literaten und auch Jongleure und andere Künstler, mit Leben und Kurzweil zu füllen. Und eben weil es bisweilen harte Arbeit ist, einen möglichst perfekten Auftritt hinzukriegen, erinnert es mich an eine Olympiade und deswegen halte ich hierbei das Wort Disziplinen für sehr angebracht, obschon ich zugeben muss, dass das studieren nebenbei die härtere Arbeit ist ...
Was mich als Darbietenden am meisten an den Musenhäppchen anmacht (ich muss es so ausdrücken, es ist wirklich hartnäckig), ist das Momentum des Sprunges, der Augenblick, da die Arbeit und das Üben der letzten Wochen und Monate ins Publikum springt. Es ist jedes Mal so, als würde man mit wassergefüllten Luftballons werfen, die explodieren und das Gesicht von vielen oder allen im Publikum mit Freude, mit Erfrischung, mit Genugtuung benetzen.
Als ich im Februar 05 das erste Mal dort gelesen habe, begann diese in Nordbayern wohl einzigartige Veranstaltung mit klassischer Musik und mein spontaner Gedanke beinhaltete wildes Aufstehen, heftiges Rennen und den erstbesten Zug nehmen mitsamt Erlangen auf der Sternenkarte als verseuchtes Gebiet markieren und nie wieder daran denken; den Gedanken habe ich öfter vor Prüfungen, vor dem ersten Date und eigentlich jeden Morgen. Nichtsdestotrotz, die Absicht der überstürzten Flucht wich der Angst davor, in dreißig Jahren einer der Leute zu sein, die in stark ungepflegten Klamotten wild durch die Straßenbahn „Ich komme doch als kleiner Literat gegen Chopin und Mozart nicht an!“ zu schreien. So stolperte ich also auf den unschuldigen Holzstuhl zu, der so Gott gnädig war, über ein Im-Boden-Versink-Mechanismus verfügte und begann zu lesen.
Diese Geschichte endet in einem Happy-End, denn der Zauber der Musenhäppchen besteht darin, jedem seinen Raum zu lassen, der bereit ist, für eine Olympiade Zeit und Energie zu opfern und den Sprung wagt und, so wahr ich es nach zwei Mal beurteilen kann, es wird ein lohnendes Investment sein. (Preisfrage: Was studiere ich?)
„Musenhäppchen“ junger Künstler
Fingerwechsel und One-Night-Stands
Freunde der Musik, der Prosa und Lyrik, der Häppchen und der kühlen Getränke konnten all das am letzten Donnerstag im oberen Stockwerk im Studentenhaus am Langemarckplatz genießen. Wie immer hatte das Studenten-werk ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt und junge Künstler mit verschiedenen Darbietungen eingeladen.
Den Anfang macht Ekkehard Wildt mit zwölf Blechbläsern aus dem Ensemble der Universität Erlangen-Nürnberg – statt Kirchenmusik, die ihr Repertoire üblicherweise dominiert, geben sie fetzige Märsche, eine gewitzte Polka, einen heiteren schottischen Walzer und einen schnellen Galopp zum besten. Das meist gespielte Instrument ist an diesem Abend jedoch das Klavier: Dominika Stalmach spielt mit berauschend schnellen Fingerwechseln äußerst beeindruckend „Polonaise gis-moll“ von Frederic Chopin und präsentiert nach der Pause ebenso fließend ein Stück von Ludwig van Beethoven. Nikolaus Mühle zeigt, dass man von Chopin nicht genug kriegen kann und fliegt mit wendigen, aber bestimmt anschlagenden Fingern ebenfalls über die Tasten. Und der Spanier José Luis Sola, der für ein Jahr in Erlangen studiert, hat scharenweise Fans im Publikum sitzen – sein ausgewähltes Stück von Wolfgang Amadeus Mozart erhält aber sicherlich nicht nur deshalb viel Beifall. Wortbeiträge gibt es von Paul S.Wolff und Matthias Kröner. Ersterer beleuchtet in seiner satirischen Kurzprosa unter anderem das Verliebtsein, Beziehungen, One-Night-Stands und die Anmache im Supermarkt, während Matthias Kröner neben einem Prosatext über ein absurdes Bewerbungsgespräch auch drei Gedichte vorträgt, die sehr erheiternd wirkten, weil sie den Kern der Sache treffen. In der Pause gibt es zu den Häppchen ein Zusatz-Schmankerl: die „doubletime dixie crew“ musizieren währenddessen. Eines der Highlights ist die letzte Darbietung: Johanna Moll verzaubert mit ihrer erotisch-geheimnisvollen Stimme, amüsiert mit ihren witzig-rauhen Texten und begleitet sich selbst dabei auf dem Akkordeon!
Insgesamt betrachtet war sicherlich nicht alles perfekt, aber wichtig ist doch, dass der unterhaltsame und vielseitige Abend aktiv von jungen Künstlern gestaltet wurde – die Musenhäppchen bieten ihnen und ihrer Kreativität ein Podium. Die nächste Veranstaltung dieser Reihe findet erst wieder im Winter statt.